Stimmen aus der Fremde –
Expats berichten aus Südosteuropa

  Bettina Lehmann
  Bettina Lehmann
I. Ein Ausländer in Osijek – zumal einer der angibt, zwei Jahre bleiben zu wollen – trifft auf Unverständnis, wenn auch der wohlwollendsten Art: Was, zwei Jahre?? In Osijek??? Wirklich, nur in Osijek?? Warum??

Selbst der verschwenderische Gebrauch von Fragezeichen kann die freundliche, mitfühlende Verständnislosigkeit junger Menschen kaum abbilden, auf die ich in den ersten Wochen in Osijek traf. Ich bin als Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung nach Osijek gekommen, ohne – das kann ich ehrlich sagen, denn vielen geht es ähnlich – zuvor jemals von einem Ort „Osijek“ gehört zu haben. Meine Lektüreversuche im Vorfeld über die Stadt im Nordosten Kroatiens waren bemüht, aber nicht sonderlich erfolgreich. Herauszufinden war die geografische Lage, in relativ gleicher Entfernung von der ungarischen Grenze im Norden, der serbischen im Osten und der bosnisch-herzegowinischen bzw. der Grenze zur serbischen Republik in BiH im Süden. Herauszufinden war einiges über die Geschichte – römische Siedlung; wichtiger Durchgangspunkt während der langen osmanischen Herrschaft (hier stets „Türkenzeit“ genannt); von den Habsburgern aus einer osmanischen in eine österreichische Stadt umgebaut; inmitten fruchtbaren Landes gelegen und ein kulturelles, ökonomisches etc. Zentrum in diesem Teil des ehemaligen Jugoslawiens; kriegsversehrt. Kein Wort über die Mücken (zumindest nicht in einer Sprache, derer ich zu diesem Zeitpunkt mächtig war). Spärrliches über die Mentalität. Allerdings – was lässt sich über Mentalität schon sagen ohne in Graugebiete des Anstands zu geraten? Deswegen ist selbstverständlich auch alles, was ich hier dazu äußere, höchst subjektiv und streitbar.

  Kino Urania, Osijek
  Foto: Duška Borovac-Knabe
Kino Urania, Osijek - Foto: Duška Borovac-Knabe
Ich arbeite als Kulturmanagerin in den Städtischen Galerien Osijek und habe die Mission durch Projekte jedweder Art zum Einen aktuelle Kultur aus Deutschland hier vorzustellen und die Osijeker Gunst dafür zu gewinnen, zum Anderen das kulturelle Leben der Stadt durch einen internationalen Hauch zu bereichern.

Hochmotiviert und mit einigen hervorragenden Ideen und Plänen kam ich im August in Osijek an – und fand mich so gut wie allein. Der Dreifaltigkeitsplatz in der Festung (die Osijeker Altstadt – eine barocke Garnisonsanlage aus KuK-Zeit – bot unendlich viele freie Stühle in den Freisitzen nur für mich, auf der Promenade an der Drau begegnete ich kaum einer Seele, im Freibad Copacabana (allgemein Kopika genannt) planschte ich fast allein das 50-Meter-Becken hin und her. Es war August, der Monat, in dem die Stadt sich beinahe geschlossen – wie auch der Rest Kontinentalkroatiens – an die Küste begibt und somit einem Western gleich entvölkert zurückgelassen wird. Die Sonne brannte Temperaturen im oberen 30er-Bereich herab. Wer in der Stadt geblieben war und nicht in einem klimatisierten Raum Zuflucht fand, saß im Schatten und versuchte Bewegungen zu vermeiden. Der ohnehin allgemein eher gemächliche Lebensrhythmus der Einheimischen war aus Gründen kluger Körperökonomie weiter verlangsamt.

Lektion eins: Ich bin im Süden Europas.

Ich setzte mich in einen Zug, der täglich auf dem Weg von Budapest in Osijek hält, und fuhr nach Sarajevo. Als ich Ende August wiederkam, fand ich eine veränderte Stadt vor. Die Terrassen der zahllosen Café-Bars waren voller junger und alter Menschen, von vormittags bis tief in die Nacht. Das Leben hatte begonnen. Denn die Schulferien waren zu Ende, das Volk kehrte zurück. Und auch mein Leben in Osijek begann erst jetzt richtig.

Bettina Lehmann

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