Dezember 2008, wir stehen in einem kleinen Tourismusbüro in Südserbien. Was wir denn beruflich machen, werden wir gefragt. Ich sei Pädagogin, meinte ich kurz. „A-ha“, erwiderte der Herr auf der anderen Seite, „Was können wir denn von ihnen lernen?“ „Von mir?“, fragte ich erstaunt, „Nein, ich bin gekommen um von euch zu lernen.“

Auf seine Frage, was es denn hier zu lernen gäbe, in den serbischen Bergen, kam eine für ihn überraschende kurze Antwort: „Ich suche die Klagefrauen! Von den Klagefrauen gibt es viel zu lernen … ich hörte, dass ich ihnen hier noch begegnen könnte.“ Das war alles ungewöhnlich genug und der Herr runzelte die Stirn.

Uns in Deutschland fehlen sie: sowohl die Fähigkeit Schmerz auszudrücken als auch das Wissen darüber, wie man trotz einschneidender Veränderungen und Schicksalsschläge im Leben bleibt, und in der Gemeinschaft. Nur in entlegenen Winkeln Europas, in Bergdörfern Serbiens, an der Küste Kroatiens und in abgelegenen Dörfern Montenegros kann man die alten Klagefrauen noch finden. Einst wurden sie bewundert für ihre außerordentliche Fähigkeit mit zu fühlen und Schmerz und Trauer in Poesie und Melodie zu kleiden.

klagefrauen-keramikeios-athen.JPG
Klagefrauen Keramikeios, Athen

Klagefrauen als professionell Trauernde sind oft – auch in ihrer eigenen Kultur – angegriffen worden; zugleich waren sie für die Hinterbliebenen bei der Begegnung mit dem Verlust wichtig. Die vernehmbare Klage intensiviert die Trauer um den Verlust des Verstorbenen. Sie unterstützt den Ausdruck der Trauer – und damit das Loslassen und Abschiednehmen. Heute jedoch erfahren jene weisen Frauen, die die Kunst der Klage noch beherrschen, immer weniger Beachtung. Die letzten Klagefrauen sind längst alt geworden. So geschieht zunehmend das, was früher eine Schande gewesen wäre: es wird sang- und klanglos Abschied genommen. So aber sterben mit den Toten die Erinnerungen, die Geschichten und eine alte, europäische Tradition.

Die Zeremonien bei Tod und Trauer oblagen einst den Frauen. Durch ihre Teilnahme an Beerdigungen, ihre Gestaltung der Trauerrituale und durch ihre Klagen am Grab, betraten Frauen den ihnen sonst verwehrten öffentlichen Raum und nutzten die Möglichkeiten, persönliches Zeugnis abzulegen – über die Verstorbenen und das eigene Leid. Durch das Klageritual erlangten Frauen gesellschaftliche Präsenz, öffentlich-politischen Einfluss und konnten ihre Haltung zum Ausdruck bringen.

Staatliches Eingreifen und der Einfluss der Kirchen führten zu gesetzlichen Verboten und dem Verklingen der Klage im öffentlichen Raum. Die Klagefrauen sind die letzten Zeuginnen europäischer Trauerkultur, die mit ihnen verstummt. Kaum einer will ihre Klagen noch hören, von vielen verpönt wegen ihres Gesanges und der angeblichen Künstlichkeit ihrer Tränen.

Jahrhunderte, Jahrtausende nutzen die Menschen diese Trauerrituale, um Verluste zu überwinden. Trauer braucht Ausdruck, und Rituale helfen den Menschen dabei, ihren Trauerprozess – unterstützt durch eine Gemeinschaft – zu durchlaufen. Mit einem Verlust blieb keiner alleine zurück, wie inzwischen in unser westlichen Welt üblich, sondern es gab künstlerische Formen, die dabei unterstützen den Schmerz über das Verlorene auszudrücken und damit gesund zu bleiben – anstatt das Gift des Grolls, der Verzweiflung und des Schmerzes in sich aufsteigen zu lassen.

frauen-mostar.jpg
Frauen in Mostar

In allen Kulturen und spirituellen Traditionen spielen Musik und Singen im Zusammenhang mit Tod, Trauer und Abschied eine wichtige Rolle. Sie helfen, als gestaltete Form Gefühle auszudrücken. Dies wirkt tröstend, entlastend, klärend und verbindend für die Zurückbleibenden. Die Klage diente der Genesung nach einem Verlust – um im Leben und in der Gemeinschaft zu bleiben.

Inzwischen sind Tod und Trauer kein öffentliches Ereignis mehr. Sie sind verbannt, tabuisiert, individualisiert oder in starr religiöse Formen übergegangen – niemand soll zu viel, zu lange oder zu stark trauern. Mit der Trauerklage und entsprechenden Ritualen ging uns zugleich die Fähigkeit verloren mit Veränderungen und Verlust umzugehen – und Mitgefühl zu leben. Heute fühlen wir uns oft hilflos, wenn das Leben einen anderen Verlauf nimmt als erwartet. Es fehlen Vorbilder, Leitbilder, die uns zeigen, wie wir dem Schmerz begegnen können, der uns erfasst, wenn uns Schicksalsschläge ereilen, nicht nur bei Tod, sondern auch bei Lebensübergängen, bei Trennung, Krankheit, Älterwerden… Die chronisch gewordene Entfremdung vom Gefühl Trauer, die Unterdrückung und Verdrängung der Trauer führt unter anderem zu Phänomenen wie Angst, Burnout, Depression, Kommunikationsstörungen, Beziehungsunfähigkeit, Perspektivlosigkeit, Verlust von Lebenssinn, psychosomatischen Krankheiten.

Die Trauer selbst ist keine Krankheit. Sie ist die Fähigkeit, mit Veränderungen umzugehen. Trauer verlangt keine neuen Theorien, sondern neue Rituale. Rituale und Gemeinschaft können den Schock der Veränderungen, die große Angst vor diesem ungewollten, unfassbaren und somit bedrohlichen Gefühl Trauer auffangen, ihre Energie umwandeln, eine Rückkehr in den Alltag erleichtern, und dabei helfen, gesund zu bleiben.

Weil wir das Trauern verlernt oder nie gelernt haben, müssen wir es neu lernen, meint der Emotionsforscher und Psychologe Dr. Canacakis, der seit über 30 Jahren europäische Trauerkulturen untersucht und an zahlreichen Trauerritualen teilnahm. Er erforschte das spezielle Setting der Trauer- und Klagerituale, welches das Entstehen, Zulassen, Durchleben und Ausdrücken der Trauer ermöglicht. So wird die Trauer nicht unterdrückt, sondern kann mit Hilfe des Rituals nach außen getragen und ausgelebt werden. Die Trauerklage kann uns Anregungen geben, unser verarmtes Brauchtum an Trauerformen durch neue geeignete Modelle des Trauerns zu ergänzen, um auf Tod, Verlust, Trennung und Trauer wieder angemessener reagieren zu können.

Aus seinen Erfahrungen und Beobachtungen entwickelte Dr. Canacakis ein Modell zur Trauerumwandlung und hat damit altes Wissen zum Umgang mit Trauer für unsere heutigen Kulturen adaptiert. Das Modell baut auf den Erfahrungen alter Klagekulturen Südeuropas auf. In Seminaren und Workshops erfahren die Teilnehmenden eine Art Dorfgemeinschaft und Unterstützung für die Begegnung mit altem oder aktuellem Schmerz. Ziel ist es, einen Rahmen zu schaffen, in dem die Teilnehmenden ihre Trauerfähigkeit als lebensfördernde Ressource wiederentdecken und entwickeln können, und in dem sie einen gesunden Umgang mit ihrer Trauer erfahren.

Sie erleben erstmalig Trauer als einen kreativen, unterstützenden und entlastenden Prozess, der es ihnen ermöglicht, Schmerz in Kunstprodukte zu transformieren – beispielsweise in Gesang und Poetik. Neue Klagerituale bieten einen gesicherten Rahmen, um einen Verlust gefahrlos zu verarbeiten. Die Trauer kommt ins Fließen durch Bewegung und Musik, kreative Gestaltungen, symbolische Handlungen und klar strukturierte Abläufe (Rituale). Gefühle werden dadurch geordnet und gleichsam auf heilsame Weise zum Ausdruck gebracht.

Aus all diesen angeführten Gründen ist es für uns interessant, jenen, die die Kunst der Klage noch beherrschen, zu begegnen, um zu erfahren und zu vermitteln, wie wir auch ohne Ärzte, Therapeuten oder Medikamente mit Verlusten und Schicksalsschlägen umgehen können.

Und so machen wir uns auch diesen Sommer wieder auf, die Klagefrauen zu suchen. Wieder werden wir bei unserer Suche nach der Trauer auf Unverständnis stoßen. Und kaum einer wird verstehen, dass wir auch in unserem reichen Deutschland die Trauer bitter nötig haben, und dass wir über diesen Umweg durch den „Bauch Europas“ auch auf der Suche sind nach unseren Tränen, den Tränen unserer Familien und unserer Kultur, die ebenso verschwiegen werden.

Ulrike Reimann
Weitere Informationen zu unserer Arbeit, auch zu neuen alten Trauerritualen sind unter www.protranskultur.de zu finden.


Lesenswert:

  1. Simone Schwarz:
    Wirtschaftsinformationen für den Balkan
  2. Berlin goes Balkan – Neue Märkte erschließen mit der Investitionsbank Berlin
 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>