Dragan Wende“Vormerken”, schrieben wir im Februar 2011. Jetzt hat Dragan Wende den Max Ophüls Preises 2013 und den “Best Documentary Award” beim Trieste International Film Festival 2013 gewonnen. Wir gratulieren!

Die Jury hält fest: “Ein Stück irrwitzige Weltgeschichte, erzählt aus der Küche eines abgehalfterten Bordell-Türstehers. Ein Stück berührende Familiengeschichte, erzählt in der historischen Dimension des kalten Krieges. Ein Stück derbe Männergeschichte, erzählt mit Pfiff und Ironie dank sicherer Montage – halbseiden, blockfrei und humorvoll.”

Einblicke: Am Abend des 20-jährigen Jubiläums des Mauerfalls bewegt sich eine verschrobene Gestalt durch die begeisterte Masse am Potsdamer Platz, „Guck! Die Mauer fällt!“, ruft sein Neffe hinter der Kamera. Die Masse raunt, Dragan blickt entfremdet die Straße herunter, „Ja, ja… Die Mauer fällt… Ich baue eine neue Mauer! 10 Meter höher!“, schnauzt er ihn an.

„Du warst 20 Jahre nicht im Osten? Wie…?”, fragt der Neffe. Die Bürogebäude am Potsdamer Platz leuchten grell hinter Dragan, der im Lichtschein der Straßenlampen mariniert; leicht nervös, zappelig und ewig schlecht gelaunt, die obligatorische Zigarette in der Hand. Im Osten war er seit dem Mauerfall nicht. „Da stinkt’s!“ In Prenzlauer Berg leben? „Um Gottes Willen!“ Seine Freunde? „Idioten…idiotische Idioten!“ Gorbatschow? „Ein Blindgänger!” Croissants? „Will ich nicht! Hau ab!“

Der Film von Lena Müller, Dragan Petrović und Vuk Maksimović, dessen Onkel Dragan Wende ist, zeigt in bunten Bildern ein Spalier von lebhaften Charakteren, die rund um den miesepetrigen Titelhelden unverblümt über ihre Existenz erzählen, die irgendwo zwischen Ost und West, zwischen Mauerfall und DDR, steckengeblieben ist.
Dule, „die Krähe“, wurde mehrmals durch dubiose Geschäfte zum Millionär. Mehrmals, da er jedes Mal alles verlor. “Von Tellerwäscher, zum Millionär, zum Tellerwäscher,” erzählt Dule an einem sonnigen Sommertag vor einem Nachtclub, in dem Dragan und jetzt auch Dule arbeiten. Nach mehreren Gefängnissaufenthalten schuldet dieser dem deutschen Staat fünf Millionen Euro. Die könnte er abbezahlen, würde er die letzten Ziffern des Bankkontos kennen, auf dem die 250 Millionen Britische Pfund lagern, die er mit einem Komplizen nach einem besonders erfolgreichen Geschäft erbeutet hatte. Der Komplize ist leider verstorben, und nahm, laut Dule, die letzten Ziffern mit ins Grab. „Ich bin ein Millionär ohne eine Mark in der Tasche!“, lacht Dule.

Für Dragan Wende, der so heißt, weil er den Namen seiner Ex-Frau annahm – nicht aus nostalgischen Gründen – blendet der schöne Schein der Vergangenheit die karge Realität der Gegenwart immer noch aus. Und zwar so sehr, dass er sich weigert in ihr zu leben. „West-Berlin ist das Maß aller Dinge… und West-Deutschland.“ Die Erzählung Dragans und seiner Freunde werden untermalt von Videomaterial aus den goldenen Jahren des West-Berliner Nachtlebens der siebziger und achtziger Jahre. Ein junger, lachender Dragan blickt den Zuschauer an, da mit seinen ersten 200 Mark, hier Schulter an Schulter mit Nachtclub Besitzer Rolf Eden. Die alten schwarz-weiß Fotos, die roten Wände und Kissen in Herzchenform in seiner Wohnung, schützen Dragan Wende perfekt vor dem Heute. Nur einmal pro Jahr, wenn Großvater Mile, der Vater von Dragan, nach Berlin kommt, um seine Rente, die er sich als Gastarbeiter verdient hat, abzuholen, fängt die Fassade an zu bröckeln. Früher hatte er viel mehr Geld, meint Dragan. „Natürlich! Sein Vater war ja auch immer hier, um alles zu finanzieren. […] Er hatte niemals mehr als 50 Euro in der Tasche,“ spottet der Vater. Aber auch der Vater sehnt sich, wie der Sohn, nach vergangenen Zeiten und romantisch aufgewerteten Orten. „Ich kenne keine andere Heimat als Jugoslawien“, erzählt er stolz vor einer Karte des ehemaligen Landes. Obwohl, wie Vuk treffend bemerkt, er sein ganzes Leben im kapitalistischen West-Berlin verbracht hat und diese Heimat, wie die meisten Gastarbeiter, nur selten erlebte.

Dragan Wende: West-Berlin ist ein Einblick in einen Mikrokosmos, der immer zwischen den Welten ist und Existenzen der ersten Generation der Gastarbeiter schildert, die sich in ihre Leben nie eingewöhnt haben. Woanders ist es immer besser, egal ob an einem anderem Ort oder zu einer anderen Zeit, bloß nicht jetzt und hier. Die drei Filmemacher Müller, Maksimović und Petrović haben sich einer schwierigen Aufgabe angenommen. Erstens einen Film zu schaffen, der dem Familienmitglied eines der Regisseure auf engstem Raum folgt und wo der Regisseur selbst zum Teil der Geschichte wird, ohne einen verschönernden Blick auf die Geschehnisse zu werfen. Zweitens, aus dem mürrischen Dragan einen Charakter zu machen, mit dem man mitfühlt. Spätestens in der letzten Szene, wo Dragan uns durch das Reich des Amüsierbetriebs, in dem er angestellt ist, führt, kann man sich nicht helfen, als auch ein wenig froh über seine fünf Minuten Ruhm zu sein.

DRAGAN WENDE – WEST BERLIN (trailer) from Vuk Maksimovič on Vimeo.

 

 

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