Osijek IV
Stimmen aus der Fremde –
Expats berichten aus Südosteuropa
Bettina Lehmann Foto: Iwo Zmyslony![]()
IV. Marktgeschichten
In Osijek sehe, höre und rieche ich den Markt. Es gibt prächtigere Märkte an anderen Orten, größere, lautere, buntere, intensivere, doch ist dieser mir lieb.

Der Markt besteht aus zwei Hallen, in denen Leichtverderbliches verkauft wird, Fleisch, Käse und Sahne und derlei, aus einem offenen Platz mit steinernen Tischen, auf denen sich Gemüse und Früchte türmen und Pflanzen in Töpfen und Paletten stapeln, und einem überdachten Teil mit Containergeschäften, wo Holzgerät, Devotionalien, Kleider, Schuhe und allerlei angeboten werden. Ein vierter Bestandteil des Marktes sind die am Rande hockenden Trödler, die ihre selbstgefertigte oder aus Kellern und Dachböden geklaubte Ware auf Planen auf dem Boden gebreitet haben; ein fünfter diejenigen, die ihr Gut auf den Händen oder auf Kleiderbügeln über den Markt hin und her tragen (auch der Herr, der „Cigarete, cigarete“ wispernd an die Einkäufer tritt, und wenn einer nickt, die aus Albanien, Mazedonien oder wer weiß woher geschmuggelten Zigaretten aus wer weiß welcher Ecke holt, gehört dazu).
Der Markt ist voller Geschichten. Ein paar höre ich. Wie die des Mannes, der mich den ganzen Winter über mit Äpfeln versorgte und immer einen Scherz, einen Gruß, ein Lachen, ein Winken dazugab. Eines Tages erzählte er mir, dass er in Belgrad ein Kulturzentrum geleitet hatte, vor dem Krieg. Dann musste er Belgrad verlassen, ein Kroate in Serbien, und kam nach Osijek. Er versuchte es noch eine Weile mit der Kultur, aber es funktionierte nicht. Die falsche Geschichte. Seit einigen Jahren verkauft er nun Äpfel, Erdbeeren, Honig, Aprikosen, Paprika, Tomaten auf dem Osijeker Markt. Er sagte, er würde gern wieder Kulturarbeit machen, aber das Leben sei nun einmal so wie es ist. Er wirkt wie ein glücklicher Mensch, er hat die Gabe, mit seinen Scherzen, Lachen und Grüßen, die er zu den Einkäufen hinzugibt, einen Tag zu erhellen.
Andere Geschichten kann ich als Außenstehende nur aus Blicken und Gesten herausdeuten. Wie die der alten Frau, von der ich ein halbes Kilo Aprikosen erfragte. Sie schaufelte die Früchte in eine grüne Plastiktüte und reichte sie an eine jüngere Frau weiter, die an der Waage stand. Die wog, nahm händevoll Aprikosen wieder aus der Tüte heraus und gab sie zurück zu der Alten. Diese schaute die Jüngere, die sich einem anderen Kunden zugewandt hatte, mit einem langen, leeren Blick an, nahm zwei Hände voll Aprikosen von dem Haufen vor ihr und gab sie in die Tüte. Reichte sie mir. Als ich ihr das Geld gab lächelte ich sie an, zum Zeichen des verschwörerischen Einverständnisses zwischen uns, aber ihr Gesicht blieb bewegungslos. Ich las darin eine tiefe Enttäuschung, eine Abscheu gegen die Pedanterie der Jüngeren, die diese wohl Geschäftssinn nennt, eine Verachtung gegenüber der neuen Zeit.
Der Markt ist, wie alle Märkte, voller Farben und Gerüche, und voller Geschichten, von denen die meisten mir nie zu Ohren kommen werden.
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Am 3. November 2009 um 19:49 Uhr
Hallo Frau Lehmann,
lese Ihre Posts über Osijek sehr gerne. Die Sicht von “Auswärtigen” auf Osijek und Slawonien finde ich sehr interessant. Löst bei mir eine Art Fernheimweh aus.
Viele Grüße
Josip
Am 4. November 2009 um 18:45 Uhr
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Am 20. November 2009 um 16:44 Uhr
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