Bomec: Stigao sam!

Stimmen aus der Fremde –
Expats berichten aus Südosteuropa

Das Handke Syndrom, Teil I

“Was, nach Serbien wollen sie? Freiwillig?”, fragt der Taxifahrer auf dem Weg zum Flughafen Tegel kopfschüttelnd und schweigt fünf Minuten konsterniert. Dann sagt er: “Ich kann nicht verstehen, wie die Leute da noch hinfahren können. Nach allem, was dort vorgefallen ist. Die ganzen Morde. Die ganzen Kriegsverbrechen, die dieses Land begangen hat. Und dann nach ein paar Jahren einfach wieder hinfahren als Tourist, als wäre nichts gewesen. Das kann man doch nicht machen.”

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Uroš Predić: Kosovka devojka (Das Mädchen vom Amselfelde)

“Warum regst du dich eigentlich so auf über die Unabhängigkeit des Kosovo?”, fragt meine Schwester nach zweistündiger Diskussion am Telefon. “Merkst Du eigentlich, wie du dich da reinsteigerst? In einem fort verteidigst du Serbien. Nur weil du mit einem Serben zusammen bist, musst du doch noch lange nicht zum serbischen Nationalisten werden. Ständig sprichst davon, wie schwer es dir fällt, dir eine Meinung zu bilden. Wer zwingt dich denn dazu, dir eine Meinung bilden? Wieso musst du unbedingt Stellung beziehen? Warum genügt es dir nicht, einfach nur möglichst genau zu beobachten, was du siehst, ohne es zu bewerten? Leidest du unter dem Peter-Handke-Syndrom, oder was? Du solltest mal zur Abwechslung ins Kosovo reisen und mit einigen Albanern sprechen. Oder nach Bosnien. Vielleicht würde das deine Sicht der Dinge etwas zurecht rücken!”

Meine Schwester hat irgendwie recht. Bevor ich meinen Freund kennen lernte, war der Balkan für mich ein weißer Fleck auf der Landkarte, über die Ereignisse während der Balkankriege ich allenfalls rudimentäre Kenntnisse. Mit der neuen Beziehung und den regelmäßigen Besuche in Serbien ging ein steigendes Interesse an der Geschichte und an den politischen Geschehnissen des Balkans einher. Auf einmal nehme ich Unterricht in der serbischen Sprache, lese Sachbücher und Romane zum Thema, durchsuche Zeitungen und Internet nach Informationen, nach Fakten, nach Meinungen, um den Krieg, die Menschen, die ich in Serbien kennen lerne, und nicht zuletzt meinen Freund, seine Vergangenheit und seine politische Einstellung zu verstehen. Aber je mehr ich erfahre über diesen Krieg, je mehr Geschichten ich höre, desto verwirrender und undurchsichtiger wird das Gesamtbild.

Plötzlich stecke ich viel mehr in dem Thema drin, als mir lieb ist. Ertappe mich dabei, wie ich Artikel aus deutschen Zeitungen ausschneide, in denen EU- und USA kritische Positionen bezüglich der Unabhängigkeit des Kosovo eingenommen werden. Diskutiere ständig mit Freunden, Geschwistern und Taxifahrern über die Jugoslawienkriege, über Schuldfragen, über Ursache und Wirkung von Ereignissen einer Vergangenheit, die gar nicht meine ist, aber die in Serbien so omnipräsent ist, dass man sich ihr kaum entziehen kann. Ich erzähle meiner Schwester von meinen Reisen, und finde mich auf einmal wieder in der Position desjenigen, der sich aufgrund persönlicher Erfahrungen dazu verpflichtet fühlt, das Land Serbien, seine Bewohner, vor allem aber meinen serbischen Freund gegen ein so gefühltes, allgemein negatives Vorurteil zu verteidigen. Der kollektive serbische Komplex, dass sich die ganze Welt Serbien gegenüber voreingenommen und ungerecht verhält, ist auf mich übergeschwappt. Jetzt hält die Politik bereits in meinem Blog Einzug. Insofern liegt meine Schwester mit ihrem Handke-Vergleich gar nicht so falsch.

In Belgrad habe ich zumeist mit jungen, englischsprachigen Serben zu tun, mit Akademikern, die wohl nicht unbedingt repräsentativ für die serbische Durchschnittsbevölkerung sind. Ich mache sehr viele positive Erfahrungen, lerne geistreiche Leute kennen, habe einige Freundschaften geschlossen, aber vieles, das ich erlebe, befremdet mich. Nationalität ist in Serbien ein wichtiges Kriterium. Die Politik nimmt in den alltäglichen Gesprächen eine zentrale Rolle ein, der Krieg ist acht Jahre nach seinem Ende gegenwärtig, nicht nur durch die zerschossenen Gebäude in der Innenstadt, sondern in den Köpfen. Auch die modernen Serben sind innerlich zerrissen: Sie fühlen sich einerseits zu Europa zugehörig und wünschen, dass ihr Land so schnell wie möglich der EU beitritt. Sie sind gebildet und liberal, gleichzeitig aber sehr patriotisch und stolz; sie fühlen sich von Europa und den NATO-Mächten im Vergleich zu Kroatien und Bosnien gegängelt, benachteiligt und unterdrückt. Als gestern die amerikanische Botschaft in Belgrad brannte und ich deswegen mit meinem Freund telefonierte, sagte der: “I don’t give a shit.” Es folgte eine lange, aufgebrachte Diskussion am Telefon. Über Politik. Über Schuld.

Zwar distanzieren sich die jungen Serben, die ich kennen gelernt habe, von den Massakern und ethnischen Säuberungen, die von serbischer Seite während der Kriege begangen wurden. Aber immer wird in diesem Zusammenhang sofort auch auf die Kriegsverbrechen, Morde, Vertreibungen der anderen Seiten, an das Leid der serbischen Bevölkerung hingewiesen. Nie hört man ein klares “Ja!”, sondern immer ein “Ja, aber…”. Man spürt wenn auch keine Zustimmung, so doch ein gewisses Verständnis dafür, dass Mladić und Karadžić möglicherweise von Teilen der serbischen Bevölkerung versteckt werden. Für manchen Serben, dessen Familie im Krieg vertrieben oder ermordet wurde, gelten die Gesuchten bis heute als Befreier und als Helden. Und das ist auch in Kroatien oder Bosnien nicht anders.

Geschrieben am 28.02.2008


Lesen Sie weiter: Das Handke-Syndrom, Teil II, Hotel Moskva; Momentaufnahme

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11 Reaktionen zu “Bomec: Stigao sam!”

  1. Josip

    Sie haben es doch erkannt. Das serbische Dilemma liegt in dem “Ja, aber …”. Und er Unterschied zwischen dem akademischen Belgrad und der sog. serbischen Landbevölkerung liegt lediglich darin, daß auf dem Land aus dem “Ja, aber …” ein “Nein” wird. Inhaltlich ist der Unterschied nur marginal.
    Ihr bisheriger Beitrag und die Fortsetzung wird wahrscheinlich auch in einem “Ja, aber …” enden. Das ist aber ein weiterer Schlag ins Gesicht der Opfer der serbischen Aggression. Es suggeriert ein Schuld die bei den Opfern selbst leigt.
    Ersparen sie uns das einfach.

  2. Bomec: Stigao sam! - Balkanwegweiser

    [...] Der erste Teil [...]

  3. bomec

    Werter Josip,

    zunächst einmal danke für Ihren Kommentar.

    Es liegt mir fern, in diesem oder anderen Texten irgendjemanden zu verunglimpfen oder die Schuldfrage für die Ereignisse der Vergangenheit auf dem Balkan beurteilen zu wollen.

    Als ich vor beinahe zwei Jahren nach Serbien zog, war der Balkan für mich eine unbekannte Region. Ich kam hierher auch nicht aus beruflichen Gründen oder aus politischem Interesse, sondern der Liebe wegen.
    In meinen Texten versuche ich, meine Gedanken bei der Annährung an dieses Land in eine Form zu bringen. Es handelt sich nicht um fertige Statements, sondern um meinen jeweils momentanen Erfahrungs- und Wissensstand, der sich jeden Tag aufs neue ändert. Dass die Themen oft politisch sind, spiegelt den Alltag wieder, den ich hier erlebe.

    So wie die anderen Expats auf dem Blog ‘Balkanwegweiser’ ihre persönliche, subjektive Wahrnehmung des Lebens in verschiedenen Ländern des Balkan schildern, werde ich hier die persönliche Erfahrung und subjektive Sichtweise eines unpolitischen und homosexuellen Deutschen schildern, der im politischen und homophoben Serbien lebt und sich mit den hiesigen Themen auseinandersetzen muss.

    Vielleicht, werter Josip, könnte diese Perspektive auch für sie den ein oder anderen Gedankenanstoss beinhalten, Ihre bisherigen Ansichten bestätigen oder auch widerlegen?

    Oder vielleicht ist meine Perspektive für Sie auch nur langweilig oder dumm? Wenn das der Fall sein sollte, zögern Sie bitte nicht – mit nur wenigen Mouseclicks finden Sie sicherlich Texte, die Ihnen mehr liegen.

    Mit freundlichen Grüßen aus dem sonnigen Belgrad

    Bomec

  4. Josip

    Hallo Bomec,

    ich habe ein generelles Problem mit dem Umgang der Mehrheit der Serben mit Schuldfrage in den Balkankriegen. Das ganze Lamentieren dient nur dazu, Taten zu vertuschen und Tatsachen zu verklären. Das belegen schon so absurde Vergleiche wie Kreuzberg mit dem Kosovo. Sie wissen doch selbst, daß die Kosovaren sich nicht mal eben so losgesagt haben. Dem voraus ging eine Jahrzehnte dauernde Unterdrückung durch die dort lebende Minderheit der Serben. Das war schon unter Tito so und hat sich durch Milosevic noch mal potenziert. Sich von seinen Unterdrückern befreien zu wollen, ist doch auch für sie legitim und nachvollziehbar. Oder?
    Für mich entsteht das Problem ihres Textes daraus, daß sie aus ihrer Liebe zu einem Serben heraus versuchen zu argumentieren und zu relativieren. Niemand der liebt, wird dabei so rational bleiben können und sagen, ja mein Partner gehört zu einem Tätervolk und er versucht Geschehnisse, so darzustellen als seien sie durch die Schuld anderer entstanden. Vielmehr versuchen sie als Liebender das Gute in ihrem Partner zu finden. Erscheint die Findung für Außenstehende noch so absurd. Denn der Mensch den ich Liebe, kann nur ein Guter sein …
    Ich denke, ich fände ihre Geschichte aus Belgrad viel interessanter, wenn sich diese beiden Stränge nicht verquickt hätten; Liebe und Kriegsschuld.
    Schildern sie uns den Alltag als Homosexueller im homophoben Belgrad oder erzählen sie uns was die Serben sagen wenn die Massengräber von Srebrenica ausgehoben werden. Gerne aus einer subjektiven Sicht.

    Gruß
    Josip

  5. bomec

    Werter Josip,

    Danke für Ihren Kommentar.

    Darf ich Sie etwas fragen?

    Haben Sie meinen Text eigentlich gelesen?

    Oder beziehen Sie sich in Ihren Kommentaren auf Aussagen, die Sie irgendwann einmal irgendwo anders gelesen oder gehört haben? Ich frage mich das wirklich, denn es ist mir unerklärlich, wie man den Text derart missverstehen kann.

    Vielleicht möchten Sie sich etwas Zeit nehmen und den Text noch einmal lesen? Dann fällt Ihnen möglicherweise auf, dass Sie versuchen, offene Türen einzurennen. Sie greifen in Ihren Kommentaren zwar Schlagworte auf, die ich genannt habe, aber Inhalt und Aussage scheinen Ihnen entgangen zu sein.

    Ich beschreibe im Text Situationen, Diskussionen und Gedankengänge, die mich im Februar 2008 in Belgrad beschäftigten. Als ‘Beobachter’ meiner eigenen Annährung an Serbiens Vergangenheit skizziere ich Gespräche und Gedanken und stelle Aussagen einander gegenüber. Ich gebe keine Antworten. Meiner Meinung kommt im Text deutlich heraus, dass ich sowohl die radikale politische Einstellung vieler Serben wie auch mein eigenes, reflexhaft proserbisches Verhalten in manchen Diskussionen kritisiere und dass mich die Einseitigkeit der Diskussion im Hinblick auf die Kriegsschuld sowohl beschäftigt wie auch befremdet.

    Ja, werter Jossip, Sie haben richtig gelesen: Ich kritisiere den serbischen Nationalismus, obwohl ich einen Serben liebe und obwohl ich in Serbien lebe und mich dort sehr wohl fühle. So wie ich den Nationalismus der anderen Balkanstaaten kritisiere. So wie ich deutschen Nationalismus kritisiere.

    Ist das für Sie ein Widerspruch?
    Muss man sich entscheiden, pro oder contra?
    Oder wie Sie sagen würden: Gut oder böse?

    In Ihrem Kommentar führen Sie den Begriff ‘Tätervolk’ ein, ein rethorischer Totschläger. Er bezeichnet die kollektive, moralische Schuld eines Volkes an den Verbrechen eines Teils seiner Angehörigen. Auch ich gehöre in den Augen mancher zu einem ‘Tätervolk’, obwohl ich über 30 Jahre nach dem Holocaust geboren wurde; immerhin hat mein Vater den 2. Weltkrieg als Schuljunge erlebt, mein Großvater war Soldat der Wehrmacht.

    Trage ich deswegen eine Schuld an den Verbrechen der Deutschen? Oder werde ich nur dann schuldig, wenn ich auch über die Verbrechen der russischen Armeen an der deutschen Zivilbevölkerung rede (in Deutschland war das lange Zeit tatsächlich ein Fauxpas)? Relativiere ich damit die Schuld der Deutschen, wenn ich davon rede, dass es auch Kriegsverbrechen an Deutschen gab? Die gleichen Fragen gelten für meinen serbischen Freund, der während der Balkankriege ein heranwachsender Schüler war. Ein ‘Täterkind’, so wie mein Vater im 2. Weltkrieg?

    Mit ihrem Kommentar, werter Jossip, demonstrieren Sie, wie verfahren die politische Diskussion offensichtlich nicht nur in Serbien ist.

    Die Diskussion wäre konstruktiver, wenn man versuchte, die Aussagen des Gegenübers zu verstehen und Zwischentöne wahrzunehmen, und nicht beim erstbesten vermeintlich nationalistischen Glöckchenton den Pawlowschen Balkan-Pitbull wieder zähnefletschend und testosterontriefend von der Leine liesse.

    Verbindlichen Gruß,
    bomec

  6. Paul Gompitz

    Was glauben Sie wie war 1955 oder 1960 die Einstellung der Deutschen gegnüber dem zweiten Weltkrieg? Wieso hat Willy Brandt erst Ende 1970 Auschwitz besucht, oder Adenauer erst im September 1955 diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion aufgenommen?

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  9. Egal

    Ich habe sehr viel Freunde und Verwandte in Serbien, Kroatien, Mazedonien, Bosnien und Slowenien.

    Aus Serbien kenne ich nicht nur junge Akademiker aus Belgrad, sondern auch Handwerker und ältere und alte Menschen aus allen Berufssparten und aus allen Regionen.

    Keiner von denen wollte diesen Krieg und Massaker und Säuberungen. Keiner sagt “Ja, aber…”, sondern sind erschüttert, entsetzt und tief traurig über die Unmenschlichkeit und Ereignisse die geschehen sind.

    Und was explizit Serbiens Schuld betrifft: vom “Tätervolk” zu reden ist einfach ungerecht und gemein. Es gibt keine Erbschuld. Die Täter sollten bestraft werden, aber doch nicht das ganze Volk, nur weil sie die gleiche Nationalität haben, wie die Mörder und Verbrecher!

    Genau DAS sollten gerade Deutsche eigentlich wissen.

  10. Borna

    http://de.wikipedia.org/wiki/Unterschiede_zwischen_den_serbokroatischen_Standardvariet%C3%A4ten

  11. Hans

    http://www.mycity.rs/slika.php?slika=147222_127012048_SRPSKI%20JEZIK%20I%20PISMO.GIF Serbisch

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