Bomec: Stigao sam!
Stimmen aus der Fremde –
Expats berichten aus Südosteuropa
Das Handke Syndrom, Teil II
Mir ist diese Denkweise fremd, bin ich doch selbst als Deutscher, der lange nach Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg geboren wurde, daran gewöhnt, bei der Erwähnung von Holocaust und den Angriffskriegen, die von meinem Land ausgingen, sofort und ohne jedes ’wenn’ und ‘aber’ den Kopf zu senken und ‘mea culpa’ zu sagen. Nie käme ich auf die Idee, bei einem Gespräch über die Naziverbrechen darauf hinzuweisen, welche Verbrechen der Roten Armee beispielsweise mein Vater auf seiner Flucht aus Ostpreußen mit erleben musste, oder wie viele Zivilisten bei der Bombardierung von Dresden sinnlos umgebracht wurden. In gewisser Weise ist die deutsche Nachkriegsgeneration in der komfortablen Situation, dass die Schuldfrage im Zweiten Weltkrieg klar ist: Die deutschen Nazis hatten Schuld, wir waren die Bösen. Punkt. Die Tatsache bringt andere Probleme mit sich, das Verdrängen, das Vergessen, aber irgendwie scheint es für die Deutschen deswegen einfacher, einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen und nach vorne zu sehen. Auf dem Balkan, in Serbien, wo der Krieg erst wenige Jahre her ist, wo die Biographie jedes einzelnen von persönlichen Kriegserlebnissen geprägt ist, spricht man im Zusammenhang mit Kriegsschuld immer erstmal über die Verbrechen “der anderen”. Serbien gilt in Europa allgemein als Hauptagressor im Jugoslawienkrieg, aber dagegen wehrt sich jeder Serbe vehement. Ja, Serben haben Kriegsverbrechen begangen, aber Kroaten oder Bosniaken waren kein Stück besser. Zum Kotzen das.
“Was würdest du denn sagen, wenn dein Stadtteil Berlin Kreuzberg, wo beinahe mehr Türken als Deutsche leben, plötzlich wie der Kosovo seine Unabhängigkeit erklären würde?”, sagt mein Freund. “Wenn du plötzlich, wie es bei 200.000 Serben im Kosovo der Fall ist, in einem fremden Staat leben würdest? Wenn du auf dem Weg zum Supermarkt deinen Pass vorzeigen und eine Staatsgrenze passieren müsstest? Wenn du keinen freien Zugang mehr hättest zu den Kirchen deiner Gemeinde, zu den Geburtstädten deiner Kultur? Würdest du das akzeptieren?”
Ständig solche Fragen. Schwierig, darauf ehrlich zu antworten, sich in die Situation der Serben einzufühlen. Territoriale Besitzansprüche sind mir fremd. Wenn ich durch Kreuzberg laufe, denke ich ja nicht ständig, wenn ich einen türkischen Dönerladen sehe: “Das ist aber mein Land hier.“ Ich würde mich wohl ärgern, wenn ich donnerstags nicht mehr ohne weiteres ins “Möbel Olfe” gehen könnte auf ein Bier. Spontan würde ich sagen: “Lass die Türken doch ihren Staat in Kreuzberg machen, wenn sie glücklich sind damit. Ist mir doch egal.” Wenn es wirklich dazu käme, sähe meine Meinung wahrscheinlich ganz anders aus. “Du hast gut reden!”, regt sich mein Freund auf, “du hast auch einen deutschen Pass und warst noch niemals in der Situation, wegen deiner abgefuckten Staatsangehörigkeit irgendwo nicht rein gelassen zu werden.” Und so weiter, immer im Kreis.
Gestern gab es in Belgrad schwere Ausschreitungen, in der amerikanischen Botschaft wurde Feuer gelegt, die deutsche Botschaft wurde mit Steinen beworfen. Ich zögere, ob ich dieses Wochenende nach Belgrad fliegen sollte. Kann ich überhaupt einreisen? Werde ich Probleme haben, weil ich Deutscher bin? “Mach dir keine Sorgen.”, sagt ein serbischer Bekannter am Telefon, “alles ist wieder ruhig hier. Ich muss am Samstag zwar noch schnell eine Bombe in deine Botschaft werfen, aber danach können wir feiern gehen. Es gibt eine gute Party. Und wenn dich jemand fragt, dann sag einfach, dass du Spanier bist. Die haben den Kosovo nicht anerkannt und sind jetzt unsere besten Freunde. Du sprichst doch Spanisch, oder?”

Eine Demo nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo; Foto: Wikimedia
Bei Spiegel online lese ich gerade, dass die Türkei heute eine Bodenoffensive gegen die PKK im Nordirak begonnen hat. Im Laufe des Tages werden sich also vor der Haustür in Kreuzberg wieder Türken und Kurden Straßenschlachten liefern, wie schon letzte Woche und vor einem Monat.
Ich werde heute Abend nach Belgrad fliegen. Und versuchen, ab sofort wieder über Politik Dinge zu schreiben, von denen ich was verstehe. Keine Politik. Sonst wird mir am Ende noch der Heine-Preis vorenthalten.
Geschrieben am 28.02.2008
Lesen Sie weiter: Das Handke-Syndrom, Teil I, Hotel Moskva; Momentaufnahme
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