Osijek VI

Stimmen aus der Fremde –
Expats berichten aus Südosteuropa

  Bettina Lehmann Foto: Iwo Zmyslony
Bettina Lehmann - Foto: Iwo Zmyslony

VI Wie ich die Sprache lern(t)e

In Osijek höre ich ein Kroatisch, das mir als das langsamste und deutlichste des ganzen Landes angepriesen wird. Die Region sei im Grunde die geeignetste, um diese schöne, wenn auch – da seien wir ehrlich – sehr schwere Sprache zu erlernen. Allen, die es wagen wollen, allen, die sich von der äußerst sparsamen Verwendung von Vokalen nicht schrecken lassen, allen, die den Buchstaben R mögen, die Freude daran haben, ihn kehlig im Rachen zu rollen und bereit sind, ihn in seiner janusköpfigen Natur auch gelegentlich als Vokal anzuerkennen, sei der Nordosten der Republik ans Herz gelegt. Hier werde langsam gerollt, der Silbe der ihr gebührende Raum gegeben, die Melodie fein gesungen. Hier werde ein Satz, den zu sagen ein Istrier eine Sekunde benötigt und den ein Zagreber in immerhin zwei Sekunden ausspricht, auf großzügige drei bis vier gestreckt. Offenbar, so mein Schluss, findet auf dem Weg von der Küste zur serbischen Grenze eine Dehnung der Zeit statt. Man scherzt darüber im Rest des Landes, für einen Ausländer aber, der Kroatisch lernen möchte, ist es ideal.

Tafel von Baška
Tafel von Baška (Baščanska ploča) – das älteste glagolitische Denkmal der kroatischen Sprache, um das Jahr 1100; Foto: Wikimedia

Kroatisch? Als Deutsche habe ich endlose Stunden damit zugebracht, mit Menschen aus verschiedenen Ecken Deutschlands bizarre regionale Bezeichnungen für etwa das abgenagte Kerngehäuse eines Apfels, das Endstück eines Brotlaibes oder eine Scheibe davon, oder – ein Klassiker – marmeladegefülltes Fettgebäck (Pfannkuchen? Krapfen? Berliner?) zu besprechen. Ganz zu schweigen von Dialekten, die nicht nur Regionen, sondern sogar benachbarte Dörfer einander schwer verständlich machen, und mit in Literatur, Film und Theater kaum übersetzbaren Attributen besetzt sind. Dem historischen Kleinstaatentum, das sich in den Dialekten der deutschen Sprache noch wiederspiegelt, mag in Kroatien die Nähe anderer Sprachen entsprechen. An der Küste sind Melodie und Wortschatz vom Italienischen geprägt, im Norden mischt sich das Slowenische hinein. Aber da wird es schon schwierig.

Die Förderation Jugoslawien, der Staat, in dem Slowenen, Kroaten, Serben, Bosnier und Herzegowiner (muslimisch und christlich), Kosovaren, Montenegriner, Mazedonier und noch diese und jene Ethnie und Nationalität (man sehe mir bitte diese Abkürzung nach) zusammen lebten war ein Babel nach dem Turmbau, wenn auch Serbokroatisch die offizielle Staatssprache war. Der blutige Zerfall vor 18 Jahren hat in den Sprachpolitiken Ausdruck gefunden.

Ein mir geografisch nahes Beispiel ist die Unterscheidung zwischen Serbisch und Kroatisch. Wenn der Serbe Ko (Wer) fragt, fragt der Kroate Tko, wenn der eine Gde (Wo) fragt, fragt der andere Gdje, und streut überhaupt großzügig Jots in die Worte. (Hier in Osijek, vielleicht auch anderswo wird daraus im Übrigen Gdi, wobei die Frage “Gdi si?” einen Aufenthaltsort erfahren wollen kann – im Allgemeinen am Mobiltelefon: Wo bist du?, aber auch die Befindlichkeit oder Beschäftigung – Wie geht’s dir? Was machst du? Dann gern auch Di si?) Komplizierter noch ist es hier mit Was. Offiziell auf Kroatisch Što kommt es meist als (serbisches) Šta aus dem Mund. In Zagreb und Umgebung hingegen – wer weiß woher – fragt man Kaj, womit sich der Zagreber als solcher offenbart und den üblichen Hauptstädter-Vorurteilen bloßstellt.

Kroatische Dialekte
Kroatische Dialekte; Foto: Wikimedia

Nicht zu vergessen die Monatsnamen. Die in Serbien üblichen lateinischen Bezeichnungen haben in Kroatien augenscheinlich nie wirklich Fuß gefasst, stattdessen wird im Alltag mit Zahlen operiert. Ich schreibe dies im siebten Monat, bin im achten nach Osijek gekommen, mit dem ersten beginnt das Jahr und endet mit dem zwölften. Stets amüsant ist es, einem Kroaten beispielsweise auf Englisch ein Datum zu nennen, sagen wir im Mai. Er wird fast unweigerlich die Hand heben und die Monate an den Fingern abzählen, bis er beim fünften Monat angekommen ist.

Charmant ist der Kroaten Nachsicht, wenn ein Ausländer nach mehrmonatigem Aufenthalt noch immer nur stotternd ihre Sprache gebraucht, sie sind zumeist voll des Lobes dafür und betonen, wie im Grunde unerlernbar ihre Sprache sei. Sie ist es nicht, das sei versichert. Es braucht nur ein wenig Zeit und Mühe.

Bettina Lehmann

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Dieser Beitrag wurde am Freitag, den 20. November 2009 um 16:35 Uhr veröffentlicht und unter Expats, Kroatien abgelegt. Kommentare zu diesem Eintrag als RSS 2.0 Feed | Kommentar schreiben | Trackback auf Deiner Seite einrichten.

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